Posted by: unddoch | January 21, 2012

Der Stern zieht weiter…

Zurück in der Schweiz, eine ganze Weile schon. Am Zügeln. Durchstöbern von Material. Dabei stosse ich auf eine Geschichte, die der heimliche Verfasser der Präambel unserer Bundesverfassung geschrieben hat, Adolf Muschg. Und die geht so:

Zum Schluss noch eine Weihnachtsgeschichte: Fürchtet euch nicht, sie ist ganz kurz. Sie soll euch aber eine grosse Freude verkünden; die Freude, dass wir uns heute Nacht noch mit Brüdern, die wissen, was es heisst, keinen menschlichen Vater zu haben, in einem Stall geboren zu sein, für die das Wort Krippe einen genauen Sinn hat, die hungern und dürsten müssen nach der Gerechtigkeit, die hier mehr suchen als ein bisschen Ruhe auf der Flucht. Sie suchen keine Gnade, sie erwarten mehr als Glaube, Liebe und Hoffnung, sie suchen Menschen: uns. Und das ist meine letzte Geschichte: Als die drei Könige, von ihren Gaben entlastet, wieder aus dem Stall traten, hielt Kaspar erschrocken inne. Der Stern, sagte er. Was ist mit ihm?, fragte Melchior. Er ist weitergezogen!, sagte Kaspar. Hast du jemals einen Stern stillstehen sehen?, fragte Balthasar.

Ich wünsche euch allen, die wir in den letzten Monaten über diesen Blog verbunden waren, ein glückliches neues Jahr! Eine ganze Weile dauert es schon. Ich wünsche euch allen, dass ihr gut angekommen seid.

Posted by: unddoch | December 24, 2011

24. und 25. Dezember

Ich öffne die Tür.
Holzofenwarm
empfängt mich der Raum.
Ich weiss,
Tee steht bereit.
Ich bin willkommen.

Aus der Wärme und Geborgenheit der Teestube im Bergdorf Lahic wünsche ich euch allen urgemütliche Weihnachtstage. Habt tausend Dank für all eure Zeichen, Briefe und Mails, die davon handeln, dass ein paar Menschen diesen Blog gemocht haben.

Posted by: unddoch | December 23, 2011

23. Dezember

Warten. Bruder und Schwester. Mit Katze. Darauf, dass endlich Weihnachten wird. Dass endlich die Wohnung nach gutem Essen riecht (zum Beispiel nach Pastetchen mit Currysauce, Poulet, getrockneten Früchten und gerösteten Pinienkernen). Und nach dem Bienenwachsduft der Kerze. Darauf warten, dass diese Stille einkehrt im Schein der Kerze. Dass das Licht gefeiert wird in dieser dunklen Zeit. Warten darauf, sich gemeinsam vorzustellen, dass die Geburt eines Kindes einen Unterschied machen könnte auf der Welt und unter den Menschen. Und im Warten die Erinnerung an frühere Weihnachtsfeste, an die Geschenke vom letzten Jahr, mutmassen, welche Kugel am letzten Baum wo hing (waren da auch Äpfel? Zimtstangen vielleicht?), und wie viele von den kleinen goldenen Kugeln Fritzli runtergeholt hat. Wieder staunen darüber, wie gerne er unter dem Baum liegt. Das Warten vor Weihnachten ist ein Privileg der Kinder, die nicht mit Einkäufen, letzten Pendenzen und den Feiern in allen Heimen und Kirchen beschäftigt sind. Warten. Bruder und Schwester. Mit Katze.

Ein Bild aus der Altstadt Bakus, im November 2011.

Posted by: unddoch | December 22, 2011

22. Dezember

Vielleicht kommen die Bulldozer morgen. Vielleicht übermorgen. Vielleicht in einem Monat. Klar ist nur, dass sie kommen. Denn das Haus dieser Menschen steht am Ende der Bucht Baku genau dort, wo die Regierung beim Flag Pole, dem grössten Flaggenturm der Welt, die Gebäude, wo der Eurovision Songcontest 2012 stattfinden soll, erstellt. Deshalb wurden die Häuserblocks, in denen die Menschen seit dreissig Jahren wohnen, enteignet. Das halbe Quartier ist bereits dem Erdboden gleichgemacht worden. Nur ein Block, ganz vorne am Meer, steht noch. Seine Bewohnerinnen und Bewohner wehren sich gegen die Zerstörung ihres Zuhauses, weil die Kompensationszahlungen, welche die Stadtregierung ihnen anbietet,  nicht ausreichend ist, um eine ähnliche Wohnung zu erwerben. Doch die Stadtbehörden haben kein offenes Ohr für die verzweifelten Menschen. Und den Rechtsweg will hier niemand beschreiten, weil es (zu Recht) kein Vertrauen in die Justiz gibt. Noch schreiben die Leute Petitionen und geben sich kämpferisch. Doch ihre Sachen haben sie gepackt. Denn vor zehn Tagen wurde ein Kran aufgestellt, als bedrohliche Erinnerung an den Entscheid der Stadtbehörden, das Haus abzureissen. Der schwere Kran, auf Schienen angefahren, steht auf sandigem Untergrund, die Rollen auf dem Schienenstück sind notdürftig mit Holzscheiten befestigt. Jederzeit könnte der starke Wind oder die Erschütterungen der nebenan tätigen schweren Baumaschinen diese “Sicherung” lösen. Noch wohnen 65 Familien in dem Häuserblock. Zu der Gruppe der Bewohnerinnen gehört auch eine Musikerin, die ihre Geige wie ein kleines Kind immer mit sich herumträgt für den Fall, dass das Haus plötzlich zerstört wird. Es ist das Wahrnehmen und Erleben einer Welt, die sich in Kürze in Erinnerung verwandeln wird. Die Menschen werden dann zu Freunden und Verwandten ziehen. Und sehen, was das neue Jahr bringt.

Posted by: unddoch | December 21, 2011

21. Dezember

Ein letztes Mal werde ich heute von meinem Bürofenster aus auf das Meer blicken, die Schiffe ankern sehn, mittags den Muezzin-Rufen der nahen Moschee lauschen. Das Abschiednehmen beginnt, heute ist mein letzter Arbeitstag. Ich werde einen kleinen Aperitif veranstalten, mit den Bruschette-Rezepten meines Bruders, mit Mozzarellabällen, Nüssen, Oliven, Trauben, Fruchtsaft und Wein. Ich freue mich, ein letztes Mal den nun vertrauten Stimmen zu lauschen – das juchzende Lachen Nailyas noch einmal zu hören, den verträumten Blick Nadirs nochmals zu sehen, und Bakhtiyars spitzbübisches Grinsen. Ich werde Arbeit und Team vermissen. Aber zum Glück wartet in Bern ein neuer Schreibtisch* darauf, von mir bevölkert zu werden. Das Meer werde ich von meinem künftigen Bürofenster aus nicht sehen. Aber vielleicht die Alpen. Und hinter den Alpen liegt das Meer.

* und ein kleines Zimmer in meiner Lieblings-WG – ich freu mich sehr!

Posted by: unddoch | December 20, 2011

20. Dezember

Die Teekultur ist etwas sehr Schönes hier. Wo immer man hinkommt, steht Tee bereit, auf einem alten Holzofen, in einem Samowar, auf einer Teeplatte (elektronische Form der ersten Variante). Der Tee wird aufgegossen und im starken Schwarzteekraut gelassen. Von diesem Teekonzentrat wird dann ein bisschen in die Teegläser eingeschenkt, sodann wird der Tee mit heissem Wasser verdünnt. Zum Tee gibt’s stets Zuckerwürfel, von denen sich die Aseris beim Teetrinken einen hinter die Zähne legen und den Tee dann dort durch ziehen und – in elegant geschwungenem Glasgeschirr – Konfitüre mit gezuckerten Früchten – Maulbeeren, Erdbeeren, Ananas, Feigen oder Apfel, ganz nach Garten oder Gusto der Teegastgeberin oder des Teegastgebers – die man dann, ganz ohne Brot, löffelt. Und in der Zuckerdose finden sich auch stets weiter Süssigkeiten – aufwändig verpackte Schokoladenstücke, Bonbons, Nougat oder Karamell. Mmmmhmmmm.

PS: Oft, wenn ich die Teekrüge auf den Tischen sehe, denke ich an die Geschichte vom Nikolaus, der dem eingeschneiten Dorf in seinem Sack einen Teekrug und damit eine wiederentdeckte Gemeinsamkeit schenkte.
(Lachner/Dusikova, Ein Geschenk vom Nikolaus, NordSüd. Die Geschichte findet sich auch hier: http://kindergeschichten.wordpress.com/2009/12/03/ein-geschenk-vom-nikolaus/).

Posted by: unddoch | December 19, 2011

19. Dezember

Unseren Nachbarn lernen wir auf eine seltsame Weise kennen. Wir wissen, welche Hemden er trägt während der Wochentage – von blassblau, himmelblau bis zum Blau der Dämmerung hängen sie alle an der Leine. Wir wissen um seine Vorliebe für witzige Boxershorts – ich freue mich immer, wenn diejenigen mit den Erdnüsschen an der Leine hängen, aber auch die Bananen erfreuen mein Herz, oder die bunten Striche. Wir sehen, wenn er zum Sport gegangen ist oder wenn es kälter geworden ist (lange Unterhosen). Die Wäscheleine vor unserer Tür, die wir nicht benutzen, erzählt uns vom Leben unseres Nachbarn, den wir nie gesehen haben, eigentlich gar nicht kennen. Und doch um einige Aspekte seines Alltags wissen. Und darüber schmunzeln.

Posted by: unddoch | December 18, 2011

18. Dezember

Wo einst ein Haus stand

Durch die Strassen Tiflis’ zu gehen, hat manchmal etwas Unwirkliches, und es kam mir vor, als wandelte ich durch eine Kulisse, die ich aus einem vor langer Zeit geträumten Traum kenne, nur noch bruchstückhaft erinnere, darauf angewiesen, dass die Phantasie die Lücken füllt. Viele Bauruinen stehen da, eine Fassade, die von einem Wohnzimmer erzählt, das hier einmal stand, in dem Kinder aufgewachsen sind, das Menschen beherbergt, Leben eine Verortung geboten hat. Heute ragen kahle Winterbäume durch die gläserlosen Fenstergerippe, die darauf warten, vom nächsten Sturmwind fortgetragen zu werden. Bei vielen Häuserruinen habe nicht den Eindruck, dass wirklich gebaut wird. Viele Häuser in der Altstadt sind halb zerfallen, aber sehr wohl noch bewohnt. Manche sehen wie eine Villa Kunterbunt aus, mit bunt bemalten, verzierten Holzbalkonen und Veranden, mit Wendeltreppen und Wäscheleinen, und kein Winkel scheint in das Winkelmass eines Handwerkers zu passen.

Tiflis, am 13. Dezember 2011

Posted by: unddoch | December 17, 2011

17. Dezember

Ins Land schauen
Still liegt das Dorf in der frühen Morgensonne
Wäsche baumelt im Wind
Hügel schieben sich vor die Felswände der Berge

Meine Tochter ist Wasser holen gegangen
Die Kinder
Und die Fremden
Die diese Tage bei uns wohnen
Schlafen noch

Nur der Fotograf ist wach
Fängt unsere Welt ein
Und nimmt sie mit
Ohne dass sie hier verschwindet

Ins Land schauen
Seit Jahren schon
Die Zeit steht still
Es ist gut so

Xinaliq, im Oktober 2011

Posted by: unddoch | December 16, 2011

16. Dezember

Der Geruch von frischem Brot erfüllt den kleinen Raum. Draussen taucht die Dämmerung die Strassen Tiflis’ in dunkelblaues Licht.  Die Schatten an der Hauswand gegenüber werden länger, ehe die Dämmerdunkelheit sie verschluckt. Es weht ein kalter Wind. Ein Mann und eine Frau gehen vor meinem kleinen Fenster vorbei, die Frau lächelt mich an. Fremd sieht sie aus, und neugierig. Sie kommen an mein Fenster. Ich öffne es. Die beiden schliessen die Augen und geniessen den Geruch meiner Khachapuri, den georgischen Käsebrotfladen. Sie spähen in den kleinen Raum mit dem Tisch, auf dem ich den Teig knete, dem Ofen, in dem ich die Fladen ausbacke, der kleinen Auslage, auf denen ich die Khachapuri feilbiete. Der Mann kramt die paar Münzen hervor, die ich für einen Fladen bekomme, die Frau trippelt von einem Bein aufs andere. Ich sehe, wie sie gleichzeitig in den Khachapuri hinein beissen. Ich schliesse das Fenster und lege meinen Kopf auf die müden Hände. Ein leises Lächeln umspielt meine Lippen.

Tiflis, am 12. Dezember 2011

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